Hintergrund
Für die Aufrechterhaltung der täglichen Daseinsversorgung – etwa mit Lebensmitteln, Wärme, Wasser, Strom oder mit Gesundheitsprodukten und -dienstleistungen einer alternden Gesellschaft – sowie für die ökologische und digitale Transformation sind qualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker unverzichtbar. Das große Engagement, aber auch die Nachwuchsrekrutierungsschwierigkeiten der vielen kleinen und mittleren Handwerksbetriebe verdeutlicht eine durchgeführte ZDH-Umfrage. Jeder dritte Handwerksbetrieb war hiernach 2022 trotz schwieriger Rahmenbedingungen auf der Suche nach Auszubildenden. Von den Handwerksbetrieben auf Auszubildendensuche konnte jedoch jeder Zweite keinen der angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Welche Bildungs- und Karrierewege bzw. -ströme die notwendigen Voraussetzungen zur Bewältigung der wichtigen Zukunftsaufgaben schaffen, ist teilweise aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein und damit auch aus dem (bildungs-)politischen Fokus gerückt.“
Bildungspolitischer Irrweg
Einen Anstoß für diese Entwicklung hat die OECD mit ihrem jährlichen Bericht "Education at a Glance" gegeben. In diesen Berichten wurde wiederholt die hervorgehobene Bedeutung der akademischen Bildung gegenüber der beruflichen Bildung betont - begründet mit dem Strukturwandel der Wirtschaft zu einem idealistischen Bild der Wissensgesellschaft. Das Abitur sowie das Studium wurden als Grundlage für eine Wissensgesellschaft hervorgehoben – deren Entwicklung durch Abiturienten- und Studierendenanfängerquoten durch die OECD europaweit gemessen und bewertet wurde. In der Folge orientierte sich die Bildungspolitik in Deutschland zunehmend an diesen Postulaten. Der Erwerb theoretischen Wissens wurde als vorrangiges Bildungsziel ausgegeben – Hochschulen (seit 2005 von 370 auf 420) und Studiengänge (seit 2005 von 11.200 auf 22.000) wurden umfassend ausgebaut. Als Folge dieser Bildungspolitik liegt mittlerweile der Anteil der Achtklässlerinnen und -klässler, die ein Gymnasium besuchen bei 36 Prozent. Weitere 20 Prozent besuchen eine Integrierte Gesamtschule, d.h. eine Schule mit gymnasialer Oberstufe. Im Jahr 2005 lagen die entsprechenden Anteilswerte noch bei 31 Prozent (Gymnasien) bzw. 8,5 Prozent (integrierte Gesamtschulen. Da an Gymnasien und gymnasialen Oberstufen die Berufsorientierung neben der Studienorientierung noch keinen vergleichbaren Stellenwert hat, hat sich die Studienanfängerquote von 37 Prozent im Jahr 2005 auf aktuell 58 Prozent erhöht. Gleichzeitig ist die Bevölkerung im ausbildungsrelevanten Alter in diesem Zeitraum um mehr als eine Million zurückgegangen (15- bis 25-jährige Bevölkerung im Jahr 2005: 10.706.443; im Jahr 2023: 9.315.203) Die Qualifikationsstruktur der am Arbeitsmarkt nachgefragten Stellen hingegen zeigt sich stabil: jeweils ca. ein Fünftel der Stellen entfallen auf Helfer- oder akademische Qualifikationen, 60 Prozent auf beruflich qualifizierte Fachkräfte.
Die Fachkräftelücke in Zahlen
Diese Fachkräftelücke wird sich voraussichtlich in den kommenden Jahren zum einen wegen der demografischen Entwicklung und zum anderen des weiter anhaltenden Dranges zum Studium weiter vergrößern.
Unsere Forderungen
Forderungen | konkrete Maßnahmen |
1. Wertschätzung: Für eine erfolgreiche Transformation brauchen wir alle Qualifikationen. Berufliche und akademische Bildung sind gleichermaßen wichtig, um die Zukunft zu meistern. Sie müssen endlich auch gleichwertig behandelt werden. |
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2. Gleichwertigkeit: Die Gleichwertigkeit muss gesetzlich verankert werden und sich in mehr ideeller und materieller Wertschätzung für die berufliche Bildung äußern. |
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3. Entlastung: Ausbildungsbetriebe müssen spürbar entlastet, die Berufsbildungsstätten weiter gestärkt werden. Es braucht mehr attraktive Angebote für Auszubildende. |
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4. Bildungspfade: Wir brauchen eine bundesweite Studien- und Berufsorientierung, die gleichermaßen und ergebnisoffen über beide Bildungspfade informiert – und das flächendeckend an allen allgemeinbildenden Schulen, auch an Gymnasien. |
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Weitere Informationen
Das Handwerk leistet seinen Beitrag
Das Handwerk schafft und sichert Ausbildungs- und Facharbeitsplätze. Zum Handwerk zählen rund 1.000.000 Betriebe mit rund 5,6 Millionen Menschen. Nach einer ZDH-Umfrage beschäftigen 27 Prozent der Handwerksbetriebe Auszubildende. Das Handwerk ist damit ausbildungsaktiver als die Gesamtwirtschaft, wo die Ausbildungsbetriebsquote rund 20 Prozent beträgt.
Unterstützung durch Handwerkskammern und Zentralfachverbände
Das Handwerk will und wird seinen Beitrag für das Gelingen des Transformationsprozesses leisten. Dies kann jedoch nur dann umfassend gelingen, wenn für diese Herausforderung zusätzliche und einschlägig qualifizierte handwerkliche Fachkräfte verfügbar sind. Zur Gewinnung und Bindung von Auszubildenden unterstützen die Handwerkskammern und Zentralfachverbände des Handwerks Ausbildungsbetriebe mit zahlreichen Initiativen und Aktivitäten, z. B. (Ausbildungsqualität im Handwerk):
- Bereitstellung von Materialien, Leitfäden und Handreichungen zur Gewinnung und Bindung von Auszubildenden.
- Eine aufsuchende Betriebsberatung und Initiativen zur Qualitätssicherung - insbesondere der "prima Ausbildungsqualität (primAQ)" der Zentralstelle für Weiterbildung im Handwerk und der Handwerkskammer Hannover.
- Weiterbildungsangebote/Workshops für Ausbilderinnen und Ausbilder, Ausbilderfrühstücke und -stammtische sowie Schulungen von ausbildenden Gesellinnen und Gesellen zur Kommunikation und Anleitung in der Ausbildung.
- Die Unterstützung bei einer Intensivierung der Zusammenarbeit mit Innungen, Lehrlingswarten und Lehrlingswartinnen zu aktuellen Rechts- und Beratungsthemen.
- Ein externes Ausbildungsmanagement (EXAM) zur administrativen Entlastung von Ausbildungsbetrieben sowie
- Sprechstunden und Workshops für Auszubildende.
Mit dem Sommer der Berufsbildung bieten die Partner der Allianz für Aus- und Weiterbildung auf Initiative des BMBF und des ZDH Aktionen und Events auf Bundes- und regionaler Ebene an, die Lust auf Ausbildung machen und Jugendlichen dabei helfen, einen passenden Ausbildungsplatz zu finden.
Bildungswende kommt vor Energie- und Mobilitätswende
Die notwendigen Schritte müssen jetzt auf die politische Agenda der Bundesregierung und aller betroffenen Fachministerien gesetzt werden. Die zentrale und zunehmende Herausforderung für das Handwerk ist vor diesem Hintergrund die Sicherung des Fachkräftenachwuchses, da die Betriebe ihre qualifizierten Mitarbeiter vorwiegend aus der eigenen Ausbildung gewinnen. Daher muss in dieser Legislaturperiode die Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung nun endlich hergestellt und der beruflichen Aus- und Weiterbildung eine größere Wertschätzung entgegengebracht werden. Damit die Energie- und Mobilitätswende umgesetzt werden kann, brauchen wir zuerst eine Bildungswende.